Berliner Delegation mit Senator Geisel (3.v.r.) besichtigt das Sonn´wendviertel

Berliner Interesse an "Neuem sozialen Wohnen" in Wien

8.8.2022

Der Berliner Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen Andreas Geisel kam von 8. bis 11. August 2022 nach Wien, um sich die internationale Bauausstellung "IBA_Wien – Neues soziales Wohnen" und in ihrem Rahmen umgesetzte innovative Projekte anzusehen. Begleitet wurde er von weiteren hochrangigen Vertreter*innen Berlins wie dem Staatssekretär für Bauen und Wohnen Christian Gaebler und der Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt. Neben Besichtigungen standen Treffen mit dem Wiener Stadtrat Peter Hanke und dem Wiener Stadtbaudirektor Bernhard Jarolim auf dem Programm.

Großsiedlung der 1970er-Jahre zukunftsfit machen

Den Beginn der Besichtigungstour machte am 9. August die Per-Albin-Hansson-Siedlung in Favoriten, die mit über 6.000 Wohnungen und rund 14.000 Bewohner*innen zu einer der größten Gemeindebausiedlungen Wiens zählt. Die in mehreren Abschnitten von 1947 bis 1976 errichtete Anlage gilt als Prototyp des sogenannten "sozialen Städtebaus" nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Zuge der IBA_Wien wurde in der Per-Albin-Hansson-Siedlung Ost - kurz PAHO - seitens Wiener Wohnen ein Programm bestehend aus über 30 Aufwertungsprojekten umgesetzt, bei dem es darum ging, wie eine Großsiedlung der 1970er-Jahre zukunftsfit gemacht werden kann. Hier leben in über 4.600 Wohnungen rund 8.600 Menschen – darunter überdurchschnittlich viele Senior*innen. 32 Prozent der Bewohner*innen sind älter als 65 Jahre. Eine Befragung der Bewohner*innen und die Erkenntnisse einer Sozialraumanalyse flossen in bauliche und soziale Maßnahmen ein, die die Wohnqualität verbessern sollen. Das IBA-Quartier PAHO dient damit als eine Art "Labor für Innovationen" in Großsiedlungen der 1970er-Jahre: Themen wie generationsübergreifende Partizipation, der Umgang mit Vandalismus, Sicherheit und Begrünung waren für die Berliner Delegation genauso von Interesse wie der Umgang mit Konflikten in der Siedlung und die Arbeit der wohnpartner in den Gemeindebauten Wiens.

Vielfalt und Kleinteiligkeit im Sonnwendviertel

Aus den 1970er-Jahren führte die Tour die Berliner Delegation in ein Stadtentwicklungsgebiet der Gegenwart. Das Sonnwendviertel südlich des Wiener Hauptbahnhofs ist bereits großteils fertiggestellt und umfasst insgesamt rund 5.500 Wohnungen für etwa 13.000 Bewohner*innen, 20.000 Arbeitsplätze, einen Schulcampus, Bürobauten und zahlreiche Geschäfte sowie eine etwa sieben Hektar große Parkanlage. Bei der Entwicklung des zweiten Teils des Sonnwendviertels wurde in vielerlei Hinsicht Neuland betreten. Das begann schon bei den Planungsprozessen. Der ursprüngliche Masterplan aus dem Jahr 2004 wurde 2012 komplett überarbeitet. Das Ergebnis war eine für Wien ungewöhnlich kleinteilige Parzellenstruktur mit der autofreien Bloch-Bauer-Promenade in der Mitte als städtisches Wohnzimmer. Diese Parzellen wurden in unterschiedlichen Verfahren vergeben, die innerhalb des Quartiers bunt durchmischt wurden, um eine städtische Vielfalt und stadträumliche Qualität zu erzeugen. Hier fiel der Delegation rund um Bausenator Geisel vor allem die dichte Bauweise im Viertel auf. Verdichtung ist auch in Berlin ein zentrales Thema, das in Zukunft bei steigenden Bevölkerungszahlen in der Stadt immer relevanter wird. 

Ein wesentliches Ziel der Planung des Sonnwendvierteles Ost war es, kein reines Wohngebiet zu schaffen. Eine Schlüsselrolle kam hier den Erdgeschosszonen zu. Mittlerweile befinden sich hier nicht nur Cafés, Supermärkte, Apotheken und Ärzt*innenpraxen, sondern auch viele Betriebe, die maßgeblich zur Vielfalt des Viertels beitragen. Kleine Gewerbeeinheiten wurden als Mikro-Lokale mit niedrigen Mietpreisen vor allem für Start-ups, Small Businesses, EPUs und KMUs zur Verfügung gestellt. Viele Büros aus der Kreativszene haben sich angesiedelt, das Atelierhaus C21 wurde mit seinem radikal neuen und offenen Raumangebot viel beachtet. Besonders wichtig wird auch die sanfte Mobilität genommen: Die Stadt unterstützt Projekte, die eine nachhaltige Mobilität im Sonnwendviertel Ost fördern. 2020 waren das Projekte wie Lastenräder, Trolleyboys, die Werkstatt der Lenkerbande oder diverse Sharing-Modelle.

Junges Wohnen in Neu Leopoldau

Da die Stadt Berlin das Ziel verfolgt, ebenfalls eine IBA zu veranstalten, waren für die Delegation besonders Informationen zur Planung und Planungsdauer von Interesse. Nach dem Austausch dazu, einer Einführung in die Wiener Stadtentwicklung und dem anschließenden Besuch der IBA-Ausstellung "Wie wohnen wir morgen?" besuchte die Delegation rund um den Berliner Senator Andreas Geisel am 10. August das IBA-Quartier Neu Leopoldau.

An diesem Standort wurde beispielhaft Wiens Herangehensweise bei der Umnutzung eines ehemaligen Industriegeländes vorgestellt. Unter anderem wurde auf einem ehemaligen Gaswerk gebaut, der Umgang mit Gefahrenmaterial wurde mit der Delegation genauso beleuchtet wie Fragen der Konkurrenz zwischen Bauträger*innen und die Infrastruktur vor Ort, die noch weiter ausgebaut werden soll. Der Schwerpunkt in Neu Leopoldau liegt dabei auf der kinder- und jugendfreundlichen Raumgestaltung und auf vielfältigen Wohnangeboten für junge Menschen. Die IBA_Wien beauftragte 2016 das SORA Institut mit einer Forschungsarbeit zum Thema "Junges Wohnen in Neu Leopoldau". Damit die Nachbarschaft von Beginn an entstehen kann, begleitet das Stadtteilmanagement der Gebietsbetreuung Stadterneuerung die Entwicklungen in Neu Leopoldau und in der Umgebung. Nachbarschaft beschränkt sich hier nicht auf die neuen Bauplätze, sondern schließt alle Anrainer*innen mit ein. Die Mitarbeiter*innen informieren frühzeitig vor Ort über Veränderungen und aktuelle Entwicklungen, binden die Bewohner*innen aktiv ein, nehmen Ideen und Anregungen auf, vernetzen lokale Akteur*innen und unterstützen mit fachlichem Know-how. Eine "Lebendige Stadtteilkarte" erleichtert die Orientierung im sich wandelnden Stück Stadt.

Seestadt Aspern: Forschung zum Thema Energieeffizienz

Aus der Leopoldau im Bezirk Floridsdorf ging es in den Nachbarbezirk Donaustadt, in dem die Seestadt Aspern liegt, eines der größten Stadtentwicklungsgebiete Europas. Bis 2030 entsteht hier ein multifunktionaler Stadtteil mit Wohnungen, Büros sowie einem Gewerbe-, Wissenschafts-, Forschungs- und Bildungsquartier. Die Delegation bekam wertvolle Informationen zu Finanzierungsfragen und konnte in der Modellwohnung hautnah erleben, wie es ist, in der Seestadt Aspern zu leben.

Ein etwa fünf Hektar großer See liegt im Zentrum und gibt dem neuen Stadtteil seinen Namen. Großzügige, miteinander vernetzte Grün- und Freiräume und die Nähe zum Nationalpark Donau-Auen sowie eine hochwertige Infrastruktur sorgen für eine neue Qualität des urbanen Wohnens und Arbeitens. 50 Prozent der Grundfläche sind dem öffentlichen Raum vorbehalten, für Straßen, Plätze, Grün- und Erholungsflächen. Knapp 25 Prozent davon entfallen auf Grünflächen in und um den neuen Stadtteil.

In der Seestadt führt eine eigens gegründete Forschungsgesellschaft, die Aspern Smart City Research (ASCR), seit 2013 ein europaweit einzigartiges Forschungsprojekt für nachhaltige und innovative Lösungen zum Thema Energieeffizienz durch. Hier besteht die einzigartige Möglichkeit, mit Echtdaten von individuellen Anwender*innen, gesamten Gebäuden sowie Energieversorgungsunternehmen zu forschen. Ziel ist es, den Energiebedarf der Gebäude zu optimieren und die Energiekosten zu senken.

Senator Geisel zeigte sich nach den umfangreichen Terminen begeistert und betonte, dass er viel für Berlin mitnehmen könne.

Gespräche mit Stadtrat und Stadtbaudirektor

Eingerahmt wurden die Besichtigungen von einem Treffen mit dem Wiener Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke und dem Geschäftsführer der MIGRA Gemeinnützige Wohnungsges.m.b.h. Smajo Pasalic am 8. August; am 11. August fand dann ein Fachaustausch mit dem Wiener Stadtbaudirektor Bernhard Jarolim statt.

Beim Gespräch mit Stadtrat Hanke standen unter anderem Themen wie die kompetenzrechtliche Aufteilung zwischen Stadt und Bundesland Wien, die Finanzierung des Wohnungsbaus, der Umgang mit steigenden Energiekosten oder die Förderung des sozialen Wohnungsbaus im Mittelpunkt. Gesprochen wurde auch über den Fokus Wiens auf kleinere "smarte" Wohnungen im gemeinnützigen Wohnbau, während Berlin auch vor der Herausforderung steht, in den nächsten Jahren 50 neue Schulen bauen zu müssen.

Beim abschließenden Gespräch mit Stadtbaudirektor Bernhard Jarolim wurden vor allem Fragen nach dem Umgang mit einer wachsenden Stadt, architektonische und bauliche Qualität sowie die Anbindung von Stadtentwicklungsgebieten ans öffentliche Netz besprochen.

IBA_Wien 2016 bis 2022

IBA ist die Abkürzung für Internationale Bauausstellung. Die Tradition der Bauausstellungen ist bereits über 100 Jahre alt: Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es üblich, bautechnische Neuerungen auch in Weltausstellungen zu präsentieren. Seither hat es eine Reihe internationaler Bauausstellungen in unregelmäßigen Abständen gegeben, unter anderem zweimal in Berlin (1957 und 1984/87). Gemeinsam ist allen, dass sie immer Spiegel ihrer Zeit bezogen auf gesellschaftliche, technische und kulturelle Strömungen und Entwicklungen gewesen sind. Mit der IBA_Wien 2022 wurde erstmals in Wien eine Internationale Bauausstellung ins Leben gerufen. Wien stellt sich damit die Aufgabe, wegweisende Lösungsvorschläge und Zugänge zu den Herausforderungen unserer Zeit zu entwickeln. Im Zentrum steht das Thema des "neuen sozialen Wohnens".

Die IBA_Wien ist ein mehrjähriger Prozess und dauert von 2016 bis 2022. Mit einer Dauer von sieben Jahren ist die IBA_Wien damit eine vergleichsweise kurze IBA. Die meisten IBAs dauern zehn Jahre oder länger. Bis 2019 wurden die Kandidat*innen und Quartiere der IBA_Wien definiert. 2020 wurden die Zwischenstände präsentiert und 2022 schließlich können die meisten Projekte im Rahmen der Endpräsentation besichtigt werden.

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