Der Brunnen auf dem Brunnenmarkt

22.07.2019

Ich lebe im Brunnenviertel in Ottakring, dem 16. Bezirk von Wien, der im Westen der Stadt auf die Hügel des Wienerwalds klettert. Hier gibt es eine Brunnengasse und einen Brunnenmarkt.

Bis vor Kurzem habe ich trotz der vielen Brunnen in diesen Namen nie an einen Brunnen gedacht.

Wenn mitten auf dem Brunnenmarkt ein unübersehbarer Brunnen mit Fontänen, Becken und Geplätscher stehen würde, ja dann hätte ich diesen Platz ziemlich sicher schon immer mit einem Brunnen verbunden. Aber diesen Brunnen gibt es nicht. Und auch in der Brunnengasse sucht man vergeblich nach einem Brunnen.

Ein folgenreiches Gespräch

Es war mir ehrlich gesagt auch egal, weshalb der Brunnenmarkt Brunnenmarkt heißt. Es hat mein Leben nicht im Geringsten beeinträchtigt, es nicht zu wissen. Aber es bereichert mein Leben sehr, dass ich es jetzt weiß. Und das verdanke ich einem Nachbarn in meinem Haus, den ich bis zu unserem Gespräch im Stiegenhaus letzte Woche nie besonders beachtet hatte.

Dabei hat er mir erzählt, dass der Name "Brunnenmarkt" auf einen Brunnen zurückgeht, der so um das Jahr 1780 herum in der Nähe unseres Hauses gebaut worden ist, ein Monumentalbrunnen mit großem Becken. Wolfgang Amadeus Mozart war da etwas über 30 Jahre alt und Ludwig van Beethoven gerade einmal zehn.

Duell unter Nachbarn

Dieser Brunnen, erzählte mir mein Nachbar, war ein sogenannter "Auslaufbrunnen".

Als ich "Auslaufbrunnen" hörte, war mein erster Gedanke, dass doch jeder Brunnen ein Auslaufbrunnen ist, weil doch aus jedem Brunnen Wasser herausläuft. Also fragte ich bei meinem Nachbarn nach.

"Auslaufbrunnen im Unterschied zu einem Schöpfbrunnen", antwortete mein Nachbar kurz.

"Verstehe ich nicht", sagte ich. Ich stellte mir unter einem Schöpfbrunnen ein großes Becken vor, in das Wasser läuft und dieses Wasser, stellte ich mir vor, wird dann mit Kübeln aus dem Becken geschöpft.

Das erklärte ich meinem Nachbarn. Er winkte heftig ab: "Nein, nein, ganz falsch, da haben Sie etwas missverstanden", wiederholte er.

Da ich fest davon überzeugt war, dass er sich täuschte und nicht ich, versuchte ich weiter, ihn von meiner Meinung zu überzeugen. Er wiederum ließ sich von mir nicht beirren und redete weiter auf mich ein: "Hören Sie! Aus einem Schöpfbrunnen fließt kein Wasser! Sie missverstehen da etwas! Aus einem Schöpfbrunnen fließt kein Wasser. Hören Sie zu!"

Ich: "Ja, ich höre Ihnen ja zu. Aber ich meine, dass das Wasser nicht aus dem Schöpfbrunnen fließt, sondern in den Schöpfbrunnen. Und dass man das Wasser dann aus dem Brunnen schöpft. Es ist also genaugenommen ein Einlaufbrunnen und – ich betonte das "und" stark – ein Schöpfbrunnen!"

Mein Nachbar: "Nein, es fließt kein Wasser in den Schöpfbrunnen. In einem Schöpfbrunnen steht das Wasser. Es steht! Aus einem Schöpfbrunnen schöpft man Grundwasser."

Ich: "Grundwasser?"

Nachbar: "Ein Schöpfbrunnen hat einen Schacht und aus diesem Schacht schöpft man das Wasser mit einem Kübel!"

10.000 Mal! 400 Mal!

Endlich löste sich meine Vorstellung von einem Schöpfbrunnen in Luft auf und ich konnte verstehen, was mein Nachbar meinte: "Ah! Sie meinen einen Brunnen mit einem tiefen Schacht, in den man einen Kübel an einem Seil hinunterlässt… daran habe ich ja überhaupt nicht gedacht, tut mir leid, so einen Brunnen habe ich in Wien glaube ich überhaupt noch nie gesehen. Solche Brunnen kenne ich nur von Ritterburgen."

"Heute gibt es so gut wie keine Schöpfbrunnen mehr in Wien, da haben Sie recht", sagte mein Nachbar, "aber früher einmal waren sie die Grundlage der Wiener Wasserversorgung. Anfang des 19. Jahrhunderts hat es in Wien 10.000 Schöpfbrunnen gegeben."

"10.000!", rief ich aus, "das ist ja wirklich unglaublich!" Mein starkes Erstaunen sollte ihn ein wenig für meine Sturheit von vorhin entschädigen.

"Aber was ich Ihnen noch zum Brunnen sagen wollte, der dem Brunnenmarkt seinen Namen gegeben hat…", setzte mein Nachbar fort: "Das Besondere an diesem Brunnen war, dass er aus der kaiserlichen Hofwasserleitung gespeist wurde, mit frischem Trinkwasser aus dem Wienerwald. Mit Wasser dieser Qualität wurden in Wien damals nur um die 400 Häuser versorgt."

"Nur 400?!", rief ich erstaunt aus, immer noch bemüht, durch meine Begeisterung für seine Sache meine Ignoranz von vorhin etwas wiedergutzumachen.

Einen Kübel Wasser bitte

Und als ich mich so in das Glück hineinversetzte, das Menschen erfüllt haben mag, als sie einen Brunnen mit kaiserlichem Wasser in die Nachbarschaft bekamen, fiel mir dann doch ein recht beschwerliches Detail auf: "Angenommen, ich hätte damals vor dem Schlafengehen noch Durst gehabt und hätte tagsüber vergessen, Wasser zu holen: Dann hätte ich den ganzen Weg bis zum Brunnen und wieder zurück zu Fuß gehen müssen. Und auf dem Rückweg hätte ich den schweren Kübel schleppen müssen! Und das vor dem Schlafengehen!"

Mein Nachbar lachte. "Also ich glaube nicht, dass Sie vergessen hätten, Wasser zu holen! Aber auch wenn Sie vergessen hätten: Für solche Fälle gab es Menschen, die ihr Geld damit verdienten, anderen Wasser zu bringen. Zum Beispiel sogenannte Wassermänner, die mit Wasserfässern durch die Stadt zogen, oder Wasserweiber, die Wasser ins Haus brachten."

"Aber ob die um elf Uhr in der Nacht noch unterwegs waren?"

"Ich gehe einmal davon aus, aber mit Sicherheit kann ich Ihnen das nicht beantworten. Ich werde versuchen, das herauszufinden. Ich gebe Ihnen Bescheid."

An Sendungsbewusstsein mangelte es meinem Nachbarn sichtlich nicht. Das bewies er auch mit dem Vorschlag, den er mir anschließend machte.

Zeitreise in der Zinkwanne

"Haben Sie Lust, mit mir gemeinsam eine verrückte Sache auszuprobieren?"

"Was möchten Sie denn tun?"

"Ich möchte mein Wasser vom Brunnen holen, wie vor zweihundert Jahren. Eine Zinkwanne habe ich mir schon besorgt. Ich hätte auch noch eine zweite für Sie, wenn Sie wollen … Bei so einer Hitze wie heute gibt es nichts Erfrischenderes!"

"Bei aller Liebe zu Zinkwannen und Zeitreisen: Das muss ich mir wirklich erst überlegen."

"Überlegen Sie es sich …vielleicht bei einer Tasse Kaffee am Brunnenmarkt? Ich würde Sie gerne einladen … auf dem Weg könnte ich Ihnen auch gleich den Trinkbrunnen zeigen, von dem ich das Wasser holen will."

Wir machten uns auf den Weg, besichtigten den Brunnen und tranken in einem der wunderbaren Lokale auf dem Brunnenmarkt Kaffee. Als es Abend wurde, stiegen wir auf Bier um, und als es finster wurde, stießen wir auf meine Einwilligung an, bei seinem Experiment mitzumachen. Noch vor Mitternacht befüllten wir unsere ersten Kübel am Brunnen und trugen das kostbare Gut heim in unsere Wohnungen.

 

Interessante Links zur Geschichte

Brunnenmarkt im Wiener Stadtplan: Standort des Brunnenmarkts – wien.at

Der preisgünstigste Markt Wiens wird aufgrund seines bunten und multikulturellen Ambientes auch "Orient ums Eck" genannt: Brunnenmarkt – wien.at

1.000 Trinkbrunnen und 55 Monumental- und Denkmalbrunnen werden von der Stadt Wien verwaltet: Brunnen in Wien – wien.at

Im Wien Geschichte Wiki wird mit etwas Fantasie Vergangenheit lebendig:
Brunnen
Brunnengasse
Brunnenmarkt
Ottakringer Hofwasserleitung
Wassermann und Wasserweiber

Wasserversorgung in Wien heute – wien.at
Multimediale Reise des Trinkwassers aus den Bergen in die Stadt: Der Weg des Wiener Wassers

Smarte Wiener Wasserprojekte:
Modell zur Versickerung von Straßenwässern
Wasserressourcenschonung mit CC-Ware

Zeichnung: Sandra Biskup
Text: Simon Kovacic