"Und wir alle sprechen miteinander", sagte der Krebs

08.05.2019

 

Diese Terrasse in Wien, die mitten auf der U-Bahn sitzt, kennt ihr die? Ich meine diese große Holzterrasse zwischen dem fünften und sechsten Bezirk, unter der die U4 durchsaust, und neben der ein Bach fließt, die Wien, in einem riesigen Bett aus Stein. Besser als "sitzt" passt vielleicht das Wort "liegt", denn die Terrasse liegt doch ziemlich langgestreckt da, viel länger als hoch.

"Liegen" passt auch insofern gut, als es auf dieser Terrasse bequeme Bänke gibt, breit genug, um sich hinzulegen, eine Tasche oder eine Jacke unter dem Kopf, und sich eine kleine Auszeit zu gönnen. Genau das habe ich vor Kurzem wieder einmal getan. Und wie ich da einfach nur so dagelegen bin, über mir die Möwen, die über dem Wien-Fluss im Himmel kreisten, fühlte sich das an, als befände ich mich mitten in Wien an Deck einer großen, seeerprobten Yacht.

Und wie ich da so vor mich hindöste, mischte sich in die Verkehrsgeräusche Wellengeplätscher und die Stimmen von den Nebenbänken verwandelten sich in Gespräche auf Nachbarsbooten, die auf den Wellen schaukelten, und die Möwen segelten nicht mehr über der Wien, sondern zogen ihre Bahnen über einem Hafen am Meer.

Reise durchs Schlaraffenland

Die Yacht löste sich dann mit einem sachten Ruck aus ihrer Verankerung und begann wunderbar langsam in Richtung Innenstadt zu treiben. Kurz folge ich dem Wien-Fluss in den Untergrund und das Wassergegluckse hallte von der weiten gewölbten Decke des Kanals wider.

Noch vor dem Naschmarkt gelang es uns irgendwie, durch einen Kanaldeckel zurück an die Oberfläche zu kommen und dann ging es gemächlich zwischen den Buden und den Schanigärten dahin. Von meiner Liege aus winkte ich den Menschen, die wirklich aus dem Staunen nicht herauskamen, zu und stibitzte ihnen im Vorbeitreiben Essen von den Tellern. Die Marktstandler warfen mir Proviant zu und kurz vor dem Verlassen des Naschmarkts sprang ein Krebs aus seinem Becken zu mir auf die Planken und fuhr ab da mit mir mit.

Hohe Wellen

Auf der Fahrt durch die Kärntner Straße muss ich eingeschlafen sein, denn ich erinnere mich an nichts, auch nicht an den Stephansdom. Erst die Stromschnellen in der Rotenturmstraße rüttelten mich wach.

Ich krallte mich mit beiden Händen an meiner Liege fest, um nicht ins Wasser geschleudert zu werden, das links und rechts in hohen Wogen vom Stephansplatz abwärts Richtung Donaukanal rauschte. Der Krebs verkeilte sich zwischen den Planken ganz vorne am Bug, hielt seine Antennen stoisch ruhig ausgestreckt und schien die Gischt, die ihn immer wieder verschluckte, zu genießen. 

Ein paar Dellen

Da kam mir, dass es toll wäre, die Kurve in den Donaukanal zu schaffen, sprang auf, suchte mir einen festen Griff in einem der Blumenkästen am Rand der Yacht und schnappte nach Stangen und Masten, um den Kurs zu ändern. Aber dafür reichte meine Kraft nicht aus und der Krebs vorne am Bug schaute sich beunruhigt nach mir um.

Plötzlich machte es einen Rums, ich ging über Bord, konnte mich festhalten und sah, dass wir mit einer Straßenbahn zusammengekracht waren und die uns genau in die richtige Richtung gelenkt hatte. Und jetzt ging es hinaus aus der Stadt, auf dem frischen, türkisen Wasser des Donaukanals.

Über die Grenzen hinweg

Und dann nickte ich wieder kurz ein und als ich aufwachte, glitten wir auf der Donau durch die Lobau, wo sich Kormorane neben Schildkröten und Menschen sonnten. Der Krebs ging etwas in Deckung. Einen Moment oder eine Ewigkeit später trieben wir an der Burg Bratislava vorbei und nach einem weiteren Nickerchen spiegelte sich das ungarische Parlament im sandigen Strom.

Und da murmelte der Krebs: Und wir alle sprechen miteinander. Und ich setzte fort, als hätte ich es schon tausend Mal so gesagt und als wäre ein sprechender Krebs das Normalste auf der Welt: Über die Grenzen hinweg, und schlief wieder ein. Bis mich die Rufe eines Buben weckten, der weit oben von der Belgrader Pančevo-Brücke zu uns herunterwinkte. Unser Freund, murmelte der Krebs und ich ergänzte wieder mein "Über die Grenzen hinweg", und schlief ein.

Ans Herz gewachsen

Die Donau führte uns dann noch durch Bulgarien und Rumänien, aber davon habe ich leider gar nichts mitbekommen. Ich wachte erst wieder auf, als wir ins Schwarze Meer hinausschipperten und der Geruch der Donau abgelöst wurde vom Geruch des offenen Meeres.

Der Krebs wandte sich mir zu und murmelte: Ich bin ein Wiener, hüpfte von der Terrasse und war verschwunden und ich ließ es mir nicht nehmen, noch einmal meinen Teil zu wiederholen: Über die Grenzen hinweg. Mit Wehmut sah ich dem Krebs, der mir sehr ans Herz gewachsen war, hinterher.

Da tippte mich jemand an die Schulter.

Missverständnis in der Heimat

"Hallo?", fragte mich eine Männerstimme, "passt bei Ihnen alles?"

"Wo bin ich? Ich kenn mich grad gar nicht aus."

"Im Fünften, in Wien, auf der Wientalterrasse."

"Im Fünften, in Wien, auf der Wientalterrasse", wiederholte ich. "Und wo ist der Krebs?", fragte ich dann.

"Welcher Krebs?"

"Na ja, der Krebs, der … sprechen konnte und der …"

"Haben Sie was getrunken? Brauchen Sie Hilfe?"

"Nein nein … ich war auf dieser Terrasse unterwegs … auf genau dieser Terrasse, auf der wir hier stehen … mit einem Krebs … eine echte Persönlichkeit war das… wir haben uns unterhalten … über Völkerverständigung …" Ich schüttelte in ungläubigem Staunen den Kopf.

"Ich dachte, ehrlich gesagt, dass Sie ein wenig zu viel erwischt haben."

"Nein, nein, gar nicht, keinen Tropfen habe ich getrunken. Ich bin einfach eingeschlafen. Ist ja herrlich hier."

"Ich wollte einfach nachschauen, ob Sie Hilfe brauchen."

"Ja, vielen vielen Dank, das war sehr nett von Ihnen."

Der Mann fuhr schließlich auf seinem Rad davon. Ich bedankte mich bei der Bank, die mir auf meiner Reise eine so bequeme Unterlage gewesen war, verabschiedete mich bei den Planken der Wientalterrasse mit einer Verneigung und einem "Bis bald" und ging dann zur nahe gelegenen U-Bahn.

Interessante Links zur Geschichte

Verlässlich vor Anker liegt die Wientalterrasse im 5. Bezirk: Standort der Wientalterrasse - wien.at-Stadtplan

Ein paar Hintergrundinformationen zu diesem innovativen Projekt bietet diese Seite: Wientalterrasse - Gestaltung - wien.at

Ein paar weitere Stationen unserer Reise auf dem Wiener Stadtgebiet:
Naschmarkt - wien.at
Stephansdom - Wien Geschichte Wiki
Donaukanal - wien.at
Donau-Auen - Lobau - wien.at

Und das könnte dich noch viel mehr interessieren

Gestaltung von öffentlichem Raum in Wien - wien.at
Wienfluss - Wien Geschichte Wiki
Wiener Hafen - Wien Geschichte Wiki
Reisen mit Tieren - wien.at
Umweltstudie zu Muscheln und Krebsen in Wien: 100 KB PDF, zu finden bei den Studien der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22)

Zeichnung: Sandra Biskup
Text: Simon Kovacic